Quelle: Österreichisches Raumentwicklungskonzept OEREK 2030, Beschluss der ÖROK am 20. Oktober 2021, ÖROK-Schriftenreihe 210
1. Die ÖROK und das OEREK
Die Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK) wurde 1971 als politisches Organ gegründet. Mitglieder:
- Mitglieder der Bundesregierung
- Die Landeshauptleute
- Präsidenten von Städtebund und Gemeindebund
- Wirtschafts- und Sozialpartner (beratende Funktion)
Das Österreichische Raumentwicklungskonzept (ÖREK) wird etwa alle zehn Jahre überarbeitet und ist das gemeinsame Steuerungsinstrument aller österreichischen Regierungsebenen für die räumliche Entwicklung.
Das ÖREK 2030 ist ein freiwilliges gemeinsames Übereinkommen von Bund, Ländern, Städten und Gemeinden, im Konsens erstellt und beschlossen am 20. Oktober 2021. Es ist kein Gesetz, sondern ein Leitbild.
Das Leitmotiv: „Raum für Wandel!“
Das bestimmende Thema: der fortschreitende Klimawandel und die damit verbundenen Auswirkungen.
2. Leitbild: Grundsätze und räumliche Ziele
2.1 Die drei Grundsätze
Drei sich überlagernde Grundsätze leiten das ÖREK 2030:
| Grundsatz | Bedeutung |
|---|---|
| Klimaverträgliche und nachhaltige Raumentwicklung | Langfristige, generationenübergreifende Perspektive. Sparsamer Umgang mit räumlichen Ressourcen. Drei gleichberechtigte Dimensionen: ökologisch, sozial, wirtschaftlich. Kompakte Siedlungsstrukturen. Wachstumsgrenzen frühzeitig aufzeigen. |
| Gemeinwohlorientierte Raumentwicklung | Raum und Boden sind nicht vermehrbar. Markt allein nicht optimal. Ausgleich Eigentumsrechte / Gemeinwohl. Vertragsraumordnung als Instrument. Steuerwettbewerb kontraproduktiv. |
| Gerechte Raumentwicklung | Ungleichheiten verringern (nicht „gleich machen“). Mindestausstattung Daseinsvorsorge. Chancengerechtigkeit. Raumtypenspezifisch ansetzen. |
2.2 Die räumlichen Ziele
- Klimaschutz verankern — Strukturen an Klimawandel anpassen
- Energiewende gestalten — erneuerbare Energien räumlich steuern
- Kompakte Siedlungsstrukturen mit Nutzungsmischung
- Gleichwertige Lebensbedingungen in allen Regionen
- Polyzentrische Strukturen (Netz von Zentren)
- ÖV-Achsen und -Knoten als Siedlungsrückgrat
- In regionalen Lebensräumen denken und handeln
- Regionale Resilienz stärken
- An lokalen Stärken ansetzen
- Freiräume schützen (~90% Österreichs)
- Kulturlandschaft erhalten und entwickeln
3. Megatrends
9 Megatrends mit hoher Relevanz:
| # | Megatrend | Kernaussage |
|---|---|---|
| 1 | Klimawandel | +2°C seit 1880 in AT. Ohne Maßnahmen: +4,5°C global bis 2100. |
| 2 | Digitalisierung | 28% Wirtschaftswachstum durch IKT. Home-Office, Online-Handel. Regionale Breitband-Unterschiede. |
| 3 | Globalisierung | Exportorientiert, verletzbar (Pandemie). Regionale Wertschöpfung als Gegentrend. |
| 4 | Demografie | +9,3% (2001-19). Bis 2040: +52% bei 65+, -5,6% Erwerbsfähige. Wachstum durch Zuwanderung. |
| 5 | Gesellschaft & Multilokalität | Vielfältigere Lebensformen. Zweitwohnsitze. Remote Working. Covid als Beschleuniger. |
| 6 | Wissensgesellschaft | Innovation als Grundnahrungsmittel. Smarte Spezialisierung. FTI-Strategie. |
| 7 | Urbanisierung | Zuzug Stadtregionen. Wohnraumverteuerung. Einkaufszentren schließen. |
| 8 | Energiebedarf | Erneuerbare = neuer Flächendruck (Solar, Wind, Biomasse). |
| 9 | Raumverhalten | Home-Office dauerhaft. Flächen für erneuerbare Energien. Rückkehr Dienste in Zentren. |
4. Globale, europäische und nationale Aufträge
Global
- UN Agenda 2030 — 17 SDGs, insb. Ziel 11
- Pariser Klimaabkommen (2016) — unter 2°C / 1,5°C
Europäisch
- EU hat keine direkte Raumordnungskompetenz
- EU-Klimaziele 2030: -55% THG; 32,5% Effizienz; 32% erneuerbar
- Green Deal: Klimaneutralität 2050; -90% Verkehr bis 2050
- Territoriale Agenda 2030: gerecht + grün
- Neue Leipzig Charta (2020): gerechte, produktive, grüne Stadt
- Makroregionale Strategien: Donauraum, Alpenraum
National
- Klimaneutralität bis 2040
- -36% THG bis 2030 gg. 2005
- 100% Ökostrom bis 2030
- Fläche: netto 2,5 ha/Tag bis 2030 (aktuell 10-12)
- Alpenkonvention
5. Räumliche Herausforderungen nach Raumtyp
5 Raumtypen mit spezifischen Herausforderungen:
| Raumtyp | Herausforderungen |
|---|---|
| Größere Stadtregionen | Wachstum, Wohnkosten, Flächendruck, Hitzestress, Segregation, Stadt-Umland-Kooperation |
| Kleinere Stadtregionen | Funktionsverluste Ortskerne, Suburbanisierung, ÖV |
| Achsenräume | Siedlungsdruck, Standortkonkurrenz, Nutzungskonflikte |
| Ländl. Tourismusregionen | Saisonalität, Zweitwohnsitze, Wohnraummangel, Kulturlandschaft |
| Ländl. Räume (Rückgang) | Abwanderung, Alterung, Versorgungslücken, hohe Mobilitätskosten |
Alle Räume betroffen von
- Klimawandel, Energiewende, Bodenversiegelung, Demografie, Digitalisierung, leistbares Wohnen
6. Handlungsprogramm: Die 4 Säulen
| Säule | Titel | Kernziele |
|---|---|---|
| 1 | Ressourcen schonen | Energiewende; 2,5 ha/Tag; Innenentwicklung; ÖV-Achsen; Freiräume; Klimaanpassung |
| 2 | Zusammenhalt stärken | Daseinsvorsorge; leistbares Wohnen; Grünräume; Demografie; Disparitäten |
| 3 | Nachhaltige Wirtschaft | Standort AT; Digitalisierung; Innovation; ÖV-Erreichbarkeit; Tourismus; Kreislaufwirtschaft |
| 4 | Governance | Regionale Ebene; Stadtregionspolitik; Gemeinwohl; Finanzausgleich; Monitoring |
7. Das 10-Punkte-Programm
10 prioritäre Themen (ohne innere Priorisierung):
| # | Thema | Kern |
|---|---|---|
| 1 | Klimaneutralität & Energiewende | 2040 klimaneutral; Energieraumplanung |
| 2 | Fläche reduzieren | 2,5 ha/Tag; Leerstandskataster |
| 3 | Orts-/Stadtkerne | Gegen Online-Handel-Verluste; Baukultur |
| 4 | Freiräume | ~90% AT unbebaut; Biodiversität; grüne Infrastruktur |
| 5 | Erreichbarkeit | ÖV-Ausbau; ~20% ohne zumutbare Erschließung |
| 6 | Klimaanpassung | Naturgefahren; Hochwasser; Restrisiko |
| 7 | Daseinsvorsorge | Interkommunal; digital; leistbares Wohnen |
| 8 | Kreislaufwirtschaft | Regional; Bioökonomie; Versorgungssicherheit |
| 9 | Digitalisierung | Breitband; Smart City/Village; Innovation |
| 10 | Governance | Stadtregionspolitik; Finanzausgleich |
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| ÖROK | Raumordnungskonferenz (1971), politisches Koordinationsorgan |
| ÖREK | Raumentwicklungskonzept, ~alle 10 Jahre |
| Daseinsvorsorge | Grundversorgung (Gesundheit, Bildung, Mobilität, Wasser, Energie) |
| Flächeninanspruchnahme | Dauerhafter Verlust produktiven Bodens |
| Bodenversiegelung | Undurchlässige Abdeckung (Asphalt, Beton) |
| Innenentwicklung | Bauen innerhalb bestehender Grenzen (Nachverdichtung) |
| Polyzentrisch | Netz von Zentren statt Konzentration |
| Multilokalität | Mehrere Wohnorte (Zweitwohnsitz, Pendeln) |
| Smarte Spezialisierung | Regionale Stärken als Entwicklungsbasis |
| Grüne/blaue Infrastruktur | Ökologisch wertvolle Grün-/Wasserflächen |
| ÖREK-Partnerschaften | Temporäre Kooperationen zur Umsetzung |
| Flächenwidmung | Zulässige Nutzung festlegen (Kernkompetenz) |
| Vertragsraumordnung | Privatrechtliche Vereinbarung Gemeinde/Eigentümer |
| Territoriale Agenda 2030 | EU: Zukunft für alle Orte |
| Neue Leipzig Charta | EU: Städte für Gemeinwohl (2020) |